Zurück zur Übersicht

Preisverleihung der 30. LiteraTour Nord an Judith Hermann

Als Vorsitzender der Jury beglückwünschte Wilfried Köpke, Professor an der Hochschule Hannover für Medien, Information und Design die Preisträgerin und ordnete die Entscheidung der Jury ein, die in ihrer Begründung darauf abhob, wie literarisch souverän Judith Hermann in ihrem Roman „Daheim“ Fragen nach „Heimat und Identität, nach Lebensentwürfen und -verläufen“ stellt.

Laudator Roman Bucheli, Literaturredakteur der Neuen Zürcher Zeitung, würdigte das Gesamtwerk von Judith Hermann; gemeinsam sei den Figuren in ihren Romanen ihre Unbehaustheit, sie alle seien „auf ihre je eigene Weise in ihrem Leben abwesend“. Abschließend stellte Bucheli die Frage, wie wir „überhaupt in Zeiten größter Drangsal und schlimmster Verbrechen über Literatur reden“ können – und gab sich und den ca. 180 Gästen des Abends auch gleich die Antwort: „Weil wir nichts Geringeres als die Vorstellungskraft in unseren Arsenalen des Widerstands haben. Sie zwingt uns zum Nachdenken, sie öffnet die Wirklichkeit hin auf den Möglichkeitsraum, sie schafft die Bilder, mit denen wir die Welt zu deuten lernen. Darum müssen wir gerade in Zeiten wie diesen über Literatur reden, mehr denn je brauchen wir sie in diesen Stunden.“

Judith Hermann dankte Friedrich von Lenthe für den mit 15.000 Euro dotierten Preis, den er im Namen der VGH Stiftung an sie überreichte. Anschließend las Hermann aus ihrem eigens für den Abend der Preisverleihung entstandenen Text: über ihre Empfindungen und Erlebnisse bei der LiteraTour Nord 2021/22, über Ängste und Vorbehalte angesichts einer Lesereise in Zeiten der Pandemie, über das Glück der Begegnung mit Veranstaltern und Publikum und Blicke aus Hotelzimmern auf verlassene, sterile Weihnachtsmärkte „wie in einer Schneekugel“.
Auch die Rede von Judith Hermann stand unter dem Eindruck der aktuellen politischen Situation. Sie sprach davon, wie sehr sie es schätzt, Redezeit zu erhalten, ohne eine Verhaftung fürchten zu müssen. Sie sprach von Männern und Frauen, die mit einem weißen Blatt Papier gegen den Krieg protestieren. Und ein leeres weißes Blatt Papier würde man brauchen, so endete ihre Rede, „für einen Anfang und für den Frieden“.

Musikalisch gestaltet wurde der Abend durch Musik der Hannoverschen Cellistin, Sängerin und Songwriterin RABEA.

Erstmals seit zwei Jahren konnte im Anschluss an die Preisverleihung auch wieder ein Empfang stattfinden, der die Möglichkeit zu einem Austausch in entspannter Atmosphäre bot.