Wissenschaft

Jüdisches Leben im Weserbergland
Zwei neue Zugänge zur jüdischen Geschichte im ländlichen Raum

Die Geschichte der Jüd*innen als selbstverständlichen und integralen Bestandteil der Landes- und Regionalgeschichte zu erforschen und der Gesellschaft bewusst zu machen, ist eine fortwährende Aufgabe – und sie wird zum Großteil von ehrenamtlichen Forscher*innen vor Ort geleistet. Die jüdische Geschichte in ländlichen Räumen ist dabei eine besondere Herausforderung, weil nicht nur die bewusste Zerstörung von Erinnerung in der Zeit des Nationalsozialismus die Arbeit erschwert, sondern sich jüdisches Leben bereits im Laufe des 19. Jahrhunderts zunehmend auf die Städte konzentrierte und Strukturen des ländlichen Judentums schwanden. Zwei Projekte haben nun – jeweils unterstützt durch eine finanzielle Förderung der VGH Stiftung – mit unterschiedlichen Ansätzen die Geschichte der Jüd*innen im Weserbergland in den Blick genommen:

Der Naturpark Weserbergland hat im Oktober 2025 eine Broschüre präsentiert, die die 26 historisch belegten jüdischen Friedhöfe im Gebiet des Naturparks (dieses umfasst den Landkreis Hameln-Pyrmont und den südlichen Teil des Landkreises Schaumburg) mit ihrer Geschichte vorstellt. Die Autoren sind Bernhard Gelderblom aus Hameln, der mit seinen Forschungen seit den 1980er Jahren maßgeblich für die Dokumentation und teilweise Wiederherstellung der jüdischen Begräbnisplätze in der Region beigetragen hat, und der Kunsthistoriker Oliver Glißmann. Die Broschüre, die den Auftakt zu einer Reihe „Kulturerbe im Weserbergland“ bildet, kann kostenlos beim Naturpark Weserbergland bestellt oder als pdf unter https://www.naturpark-weserbergland.de/downloads heruntergeladen werden.

Bernhard Gelderblom und seine Arbeit stehen auch beim zweiten Projekt im Mittelpunkt: Das Israel Jacobson Netzwerk betreibt seit 2023 das – ebenfalls von der VGH Stiftung unterstützte – Portal „Jüdisches Niedersachsen online“. Es bündelt Information zur jüdischen Geschichte Niedersachsens und lädt Interessierte digital oder vor Ort zum Erkunden und Entdecken ein. Dabei liegt ein Hauptaugenmerk auf der Geschichte in ländlichen Regionen, sodass das Israel Jacobson Netzwerk nun einen neuen Themenschwerpunkt zum Weserbergland online veröffentlicht hat. Fußend auf Gelderbloms Forschungen werden Informationen zu den jüdischen Friedhöfen der Region und ihrer Schändung in der Zeit des Nationalsozialismus aufbereitet sowie exemplarisch an frühere jüdische Einwohner*innen des Weserberglandes erinnert. Bernhard Gelderblom steht mit seinem Bemühen um eine angemessene Erinnerung an die jüdische Geschichte des Weserberglandes stellvertretend für zahlreiche ehrenamtliche Forscher*innen, die sich in den letzten Jahrzehnten um die Bewahrung der Zeugnisse der jüdischen Kultur in den verschiedenen Regionen Niedersachsens verdient gemacht haben.